Leeres Klassenzimmer
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Fairness bei Zuteilungsverfahren

Zuteilungsverfahren spielen in vielen Lebensbereichen eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei der Vergabe von Schul- und Studienplätzen, Wohnungen oder Terminen bei öffentlichen Ämtern. Viele Menschen sehen Zuteilungsverfahren als fair an, die strategisches Verhalten belohnen. Das legt eine Studie nahe, die Tobias König (Linnaeus Universität), Lydia Mechtenberg (Universität Hamburg), Dorothea Kübler, Leiterin der WZB-Abteilung Verhalten auf Märkten, und WZB-Forscher Renke Schmacker in einem Discussion-Paper veröffentlicht haben. In einem Experiment untersuchten die Forscher*innen, welches Verfahren Proband*innen wählen, wenn sie entscheiden dürfen, welches Verfahren für andere Teilnehmer*innen zur Anwendung kommt.

In vielen Lebensbereichen bestimmen Zuteilungsverfahren, wer welche Güter und Dienstleistungen bekommt. In der Forschung werden verschiedene dieser Mechanismen diskutiert, die sich darin unterscheiden, ob sie erstens die Prioritäten der Bewerber*innen (Aufnahmekriterien wie Schulnoten, geografische Distanz, oder auch Lotterien) berücksichtigen und zweitens, ob sie manipulierbar sind. Wenig ist bisher darüber bekannt, welche Verfahren Menschen bevorzugen und welche Eigenschaften eines Verfahrens sie als fair erachten.  In einem Laborexperiment gaben die Forscher*innen den Teilnehmenden die Wahl zwischen zwei Mechanismen. Einerseits konnten sie den Boston-Mechanismus wählen, bei dem die falsche Angabe von Präferenzen individuell vorteilhaft sein kann und bei dem Bewerber*innen den Zuschlag erhalten können, obwohl sie eine niedrigere Priorität haben als andere Bewerber*innen (z.B. schlechtere Schulnoten). Der Boston-Mechanismus wird beispielsweise in Berlin für die Vergabe von Plätzen an Sekundarschulen eingesetzt. Andererseits stand ein Mechanismus zur Wahl, der nicht manipulierbar ist und bei dem die Zuteilung strikt nach Prioritäten erfolgt. Die Proband*innen nehmen in dem Experiment die Rolle von unparteiischen Beobachter*innen ein, die darüber entscheiden, welcher Mechanismus für andere Teilnehmende zum Einsatz kommt.

Die Studie zeigt, dass viele Beobachter*innen den Boston-Mechanismus bevorzugen. Das gilt dann, wenn die Prioritäten der Bewerber*innen auf Leistung basieren (also meritokratisch bestimmt sind), und sogar noch stärker, wenn die Prioritäten per Lotterie bestimmt werden. Gleichzeitig gibt es Unterstützung für den Alternativmechanismus, der strikt die Prioritäten berücksichtigt, allerdings vor allem dann, wenn die Prioritäten auf Leistung basieren. Befragungen der Teilnehmenden zeigen, dass sie der Nicht-Manipulierbarkeit eines Mechanismus keine große Bedeutung zumessen. Stattdessen lässt sich ein neuartiges Motiv beobachten, das die Unterstützung für den Boston-Mechanismus erklärt: Trotz der Tatsache, dass Schüler, die sich nicht strategisch verhalten, negative Konsequenzen erleiden, wird es als fair angesehen, dass der Mechanismus kluge strategische Entscheidungen belohnt: „Interessanterweise finden viele Menschen es fair, wenn sich cleveres, strategisches Verhalten auszahlt. Das könnte erklären, weshalb wir Vergabeverfahren, die manipulierbar sind, in der Realität oft beobachten“, sagt Dorothea Kübler.

Die Ergebnisse wurden in dem WZB-Diskussionspapier „Fairness in Matching Markets: Experimental Evidence“ veröffentlicht. Die Forscher*innen schlagen vor, dass etwa bei der Schulwahl, wenn die Prioritäten der Schüler*innen an den Schulen nicht auf Leistungen, sondern beispielsweise auf Lotterien basieren, ratsam sein könnte, einen dritten Mechanismus in Betracht zu ziehen, den sogenannten Top Trading Cycles (TTC)-Mechanismus. Dieser Mechanismus verletzt zwar regelmäßig die Prioritäten der Schüler*innen, sorgt aber für eine effiziente Zuteilung und ist nicht manipulierbar.

8.1.24