Führt Elternschaft in prekäre Beschäftigung?

Kinderbetreuungsinfrastruktur stellt das Rückgrat der modernen Erwerbsgesellschaft dar, denn nur sie ermöglicht die Partizipation von Vätern und Müttern am Arbeitsmarkt. Wie unglaublich schwierig es ist, Erwerb und Familie ohne diese Betreuungsleistung unter einen Hut zu bringen, zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise.

Doch auch ohne Corona hatten Eltern insbesondere in den alten Bundesländern selten Zugang zu Ganztagsbetreuungsangeboten. Das hat schwerwiegende Konsequenzen - vor allem für die Mütter, wie Stefan Stuth in einem aktuellen Beitrag zeigt: Je mehr Kinder in einem Haushalt leben, desto öfter sind Mütter in den alten Bundesländern prekär beschäftigt. So waren kinderlose Frauen in den alten Bundesländern nur zu 20 Prozent prekär beschäftigt, Mütter mit einem Kind dagegen zu 33 Prozent, Mütter mit zwei oder mehr Kindern sogar zu 41 Prozent. Bei Männern erhöht die Anzahl der Kinder das Risiko einer prekären Beschäftigung nicht.

Ein Blick in die neuen Bundesländer zeigt dagegen ein ganz anderes Bild: Der Anteil der prekären Beschäftigung steigt nicht mit der Zahl der Kinder. Das gilt für Väter und Mütter. Der Grund: Je länger Kinder außerhäuslich betreut werden können, desto seltener sind Mütter prekär beschäftigt. In den neuen Bundesländern ist historisch bedingt die Ganztagsbetreuungsinfrastruktur gut ausgebaut.

Die beste Möglichkeit Familie und Erwerbsarbeit trotz fehlender Ganztagsbetreuung miteinander zu vereinbaren, ist das Home-Office. „Doch auch hier zeigt die Corona-Krise die engen Grenzen dieser Option. Verwischen die Grenzen von Haushalt, Erwerb und Familie kumulieren sich die psychischen Belastungsfaktoren“, erklärt Stuth. Die vollständige Entgrenzung der drei Sphären (Haushalt, Familie und Erwerb) werde mittelfristig das Krankheits- und Burn-Out- Risiko insbesondere der Frauen stark erhöhen.

Was tun? Erstens müsste die Betreuungsarbeit zwischen den Eltern gleich verteilt werden, meint Stuth. Zweitens müssten Steuermodelle, die finanzielle Anreize für das Hausfrauen- oder Zuverdienermodell geben, umgebaut werden. Doppelverdienerpaare sollten dabei steuerlich bevorzugt werden. Für Paare, die ihre Kinder zu gleichen Teilen betreuen, müsste zugleich die Norm der Vollzeitbeschäftigung diskutiert werden. 

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10. Juni 2020

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Porträtfoto Stefan Stuth
David Ausserhofer

Dr. Stefan Stuth war von 2010 bis 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB. Er forscht seit 2018 an der Universität zu Köln und ist dem WZB weiterhin als Gastwissenschaftler der Forschungsgruppe der Präsidentin verbunden.

Der Beitrag "Führt Elternschaft in prekäre Beschäftigung?" ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Informationen zur Raumentwicklung erschienen.