Köpfe von unterschiedlichen Menschen in Farbe
Einstein Center Population Diversity eröffnet

Sozialforschung und Medizin rücken zusammen

Gesellschaften werden vielfältiger, Menschen älter, Familien wandeln sich. Wie verändern sich dadurch gesundheitliche und soziale Un­gleichheiten? Diese Fragen werden am neuen Einstein Center Population Diversity (ECPD) untersucht, das Forschende aus der Medizin und den Sozialwissenschaften zusammenbringt. WZB-Forscher Jan Paul Heisig leitet dort zwei Projekte. Im Interview erklärt er, welche neuen Erkenntnisse er sich von der Zusammenarbeit der Disziplinen erhofft.

Was erforschen Sie am neuen Einstein Center Population Diversity?

Jan Paul Heisig: Ich leite zusammen mit Kolleg*innen der Charité zwei Teilprojekte: eines zu psychischer Gesundheit in migrantischen Familien und eines zu den Wechselwirkungen zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit bei der Entstehung von Mehrfacherkrankungen. Meine WZB-Kollegin Heike Solga leitet ein Teilprojekt zu Familiendiversität und Bildungsungleichheiten gemeinsam mit Kolleg*innen der Charité und aus Oxford.

Was ist das Besondere an der Arbeit am ECPD?

Hier arbeiten Forschende aus Medizin und Sozialwissenschaften eng zusammen. Wir wissen aus der Forschung, dass gesundheitliche und soziale Ungleichheiten das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren und Prozessen sind. Das ruft nach einem interdisziplinären Ansatz, den aber gerade in Deutschland bisher nur wenige Institutionen verfolgen. Am Center wollen wir einen großen Schritt nach vorne machen. Berlin ist der ideale Ort dafür. Auch jenseits des Centers gibt es hier viele Forschende, die zu einem solchen transdisziplinären Ansatz Wichtiges beitragen können. Von Anfang an wollen wir deshalb andere Berliner Institutionen in unsere Arbeit einbinden und ein Katalysator für die Zusammenarbeit von medizinischer und sozialwissenschaftlicher Forschung im Berliner Raum sein.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt?

Ein Schwerpunkt ist die wachsende Bevölkerungsvielfalt. Wir schauen auf das Altern der Gesellschaft, die zunehmende Vielfalt von Familienformen und Familienbildern und natürlich auch auf das Thema Migration. Wir sind nicht die Ersten, die sich mit diesen Entwicklungen beschäftigen, aber wir wollen einige neue Akzente setzen. So werden wir unter anderem untersuchen, wie sich der Begriff und die Vorstellungen von Familie verändern und zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterscheiden. Wir wollen die Diversität familiärer Beziehungen und ihre Folgen für Gesundheit und Lebenschancen differenzierter erfassen, als dies bisher meistens der Fall ist.

Zum Beispiel?

Die Forschung zeigt, dass sich die Trennung der Eltern im Durschnitt negativ auf die psychische Gesundheit und den Bildungserfolg von Kindern auswirkt. Aber dahinter verbirgt sich eine enorme Heterogenität, die wir besser verstehen wollen. Das bedeutet auch, dass wir Dinge erfassen müssen, die in vielen vorliegenden Daten nicht oder nur sehr eingeschränkt abgebildet sind. Wie stark und auf welche Weise beteiligen sich die beiden Elternteile und eventuelle neue Partner nach der Trennung in der Erziehung der Kinder? Inwiefern sind vielleicht gerade heutzutage neue Formen der digitalen Interaktion mit dem (vermeintlich) abwesenden Elternteil möglich, und wie wirken diese sich auf das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder aus?

Welche neuen Erkenntnisse erhoffen Sie sich?

Wir wollen besser verstehen, wie biologische, psychologische und soziale Prozesse bei der Entstehung von Krankheit und von gesundheitlicher und sozialer Gesundheit ineinandergreifen - und welche Rolle insbesondere der familiäre Kontext dabei spielt. Wann und unter welchen Bedingungen können Familien vor Krankheit schützen oder bei der erfolgreichen Bewältigung von gesundheitlichen Krisen unterstützen? Woran liegt es, wenn ihnen das nicht gelingt? Und wann und warum werden familiäre Beziehungen selbst zum Risiko? Auch wenn die Entwicklung von Interventionen zumindest in der ersten Phase des Centers nicht im Vordergrund steht, geht es natürlich immer auch um die Frage, wann, wo und wie wir steuernd eingreifen müssen, um den Menschen ein möglichst langes und gesundes Leben zu ermöglichen – unabhängig davon, welche sozialen, familiären und biologisch-physiologischen Voraussetzungen sie mitbringen.

Wo hat das Center seinen Sitz?

Das ECPD ist zunächst ein virtuelles Center, und die Mitarbeiter*innen werden an ihren jeweiligen Partnerinstitutionen sitzen. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, wie wir trotz räumlicher Trennung zusammenwachsen können. Auch deswegen sind an allen Teilprojekten mindestens zwei der genannten Institutionen beteiligt, in einigen Fällen sogar drei oder mehr. Und wir werden eine Reihe von internen und öffentlichen Formaten haben, bei denen sich die Mitglieder des Centers auch über die Teilprojekte hinaus begegnen und kooperieren. Berlin ist zwar groß, aber nicht zu groß, um sich nicht regelmäßig zu treffen. 

Die Fragen stellte Claudia Roth.

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9. April 2024