Ungleichheit Symbolbild
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Wie Ungleichheit sich selbst aufrechterhält

Von Reichtum träumen

Wenn Menschen mit großer Einkommensungleichheit konfrontiert werden, entwickeln sie einen unrealistisch optimistischen Blick auf ihre Chancen für einen sozialen Aufstieg. Diese Fehleinschätzung führt dazu, dass sie weniger Unterstützung für politische Umverteilung zeigen – ein Mechanismus, durch den sich gesellschaftliche Ungleichheit selbst stabilisiert. Zu diesem Ergebnis kommen die WZB-Forschenden Julia Baumann und Yiming Liu in ihrer aktuellen Studie, die auf länderübergreifenden Umfragedaten und einem Online-Experiment basiert.

Warum bleibt Ungleichheit in demokratischen Gesellschaften bestehen? Die klassische Wirtschaftstheorie geht von einem selbstkorrigierenden Mechanismus aus: Je größer die Ungleichheit wird, desto ärmer wird die durchschnittliche Wählerschaft im Vergleich zur Spitze. Dadurch müsste die Nachfrage nach Umverteilung steigen, was die Ungleichheit wieder verringern würde.

Die Realität sieht anders aus. In vielen demokratischen Ländern hat die Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten nicht ab-, sondern zugenommen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass höhere Ungleichheit mit stagnierender oder sogar sinkender Unterstützung für Umverteilungsmaßnahmen einhergeht. Der selbstkorrigierende Mechanismus greift offenbar nicht.

Der psychologische Schlüssel: Wunschdenken bei Aufstiegschancen

Julia Baumann und Yiming Liu liefern eine psychologische Erklärung für dieses Phänomen. Ihre Studie zeigt: Je größer die Einkommenskluft zwischen Spitze und unterem Ende, desto attraktiver erscheint der Aufstieg nach oben. Diese Aussicht auf einen hohen Aufstieg führt dazu, dass Menschen ihre eigenen Überzeugungen manipulieren und ihre Erfolgschancen systematisch überschätzen – die Forschenden sprechen von einer „motivationsbedingt verzerrten Überzeugung" (engl. „motivated belief“).

Diese Selbstüberschätzung hat weitreichende politische Folgen. Wer glaubt, bald selbst zur ökonomischen Spitze zu gehören, unterstützt seltener Maßnahmen, die hohe Einkommen stärker besteuern oder Vermögen umverteilen würden. Statt Forderungen nach mehr Umverteilung auszulösen, erzeugt wachsende Ungleichheit also einen selbstverstärkenden Kreislauf: Sie nährt unrealistischen Optimismus, der wiederum ihre Fortsetzung begünstigt.

Wenn Träume die Realität stabilisieren

Dieser Mechanismus erklärt, warum in stark ungleichen Gesellschaften oft kein politischer Druck für Umverteilung entsteht. Die Ungleichheit erhält sich durch ihre Wirkung auf die Überzeugungen und politischen Präferenzen der Menschen selbst aufrecht. Der Kreislauf funktioniert nicht nur über Wahlergebnisse und Gesetzgebung, sondern auch über die psychologischen Prozesse der Menschen in ungleichen Gesellschaften.

Ein Dilemma für die Politik

Für Menschen mit niedrigem Einkommen bietet der optimistische Glaube an zukünftigen Reichtum eine Art psychologische Entlastung, die ihre aktuelle Notlage erträglicher macht. Das stellt die Politik vor ein Dilemma: Einerseits können realistische Informationen über die tatsächlich begrenzten Aufstiegschancen zu rationalerem Wahlverhalten und mehr Unterstützung für Umverteilung führen. Andererseits würde die Enttäuschung über reale Aufstiegschancen das psychische Wohlbefinden derjenigen weiter beeinträchtigen, die ohnehin schon wirtschaftlich kämpfen.

Allerdings zeigt die Studie auch, dass Menschen dazu tendieren an ihren optimistischen Überzeugungen festzuhalten, auch wenn sie mit Informationen über tatsächliche Aufstiegschancen konfrontiert sind. Politische Maßnahmen, die informierte demokratische Teilhabe fördern wollen, müssen diese Herausforderungen mitdenken.

12.12.2025 / MP