Schulfördervereine als stille Akteure im Schulsystem? Co-Produktion und Aufgabenverschiebung im deutschen Schulsystem
Ausgangslage und Forschungsfrage
In Deutschland sind die Zuständigkeiten im Schulsystem formal klar geregelt: Kommunale Schulträger verantworten die äußeren Schulangelegenheiten wie Gebäude, Ausstattung und Infrastruktur, während die Länder für Personal und Unterricht zuständig sind.
In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend, dass Schulfördervereine über klassische Unterstützungs- und Spendentätigkeit hinaus Aufgaben übernehmen, die eigentlich in den Verantwortungsbereich kommunaler Schulträger fallen. Dazu gehören etwa die Mitfinanzierung und Organisation von Ganztagsangeboten oder Infrastrukturmaßnahmen.
Damit entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen formaler Zuständigkeit und faktischer Leistungserbringung: Neben staatlichen und kommunalen Akteuren werden zivilgesellschaftliche Organisationen stärker in die Bereitstellung schulischer Leistungen eingebunden. Offen bleibt, in welchem Ausmaß es sich dabei um ergänzende Co-Produktion handelt oder ob faktisch eine strukturelle Aufgabenverschiebung zulasten öffentlicher Träger stattfindet.
Forschungsfrage: In welchem Ausmaß werden kommunale Schulträgeraufgaben im Rahmen schulischer Co-Produktion faktisch auf Schulfördervereine übertragen, und welche Muster dieser Aufgabenverschiebung lassen sich identifizieren?
Forschungslücke und Relevanz
Die Forschung betrachtet Schulfördervereine bislang überwiegend als ergänzende Akteure, die zusätzliche finanzielle oder organisatorische Unterstützung leisten. Ihre Rolle bei der Übernahme öffentlicher Pflicht- und Regelaufgaben kommunaler Schulträger wurde bislang kaum systematisch untersucht.
Insbesondere fehlt eine quantitative Analyse, die erfasst, in welchem Umfang Fördervereine tatsächlich Aufgaben übernehmen, die originär in den Zuständigkeitsbereich kommunaler Schulträger fallen, und unter welchen Bedingungen sich solche Verschiebungen vollziehen. Ebenso ist unklar, ob sich dabei systematische Muster erkennen lassen, etwa in Abhängigkeit von Schulform, regionalen Unterschieden oder der Ressourcenausstattung der Vereine.
Die Relevanz des Projekts ergibt sich aus mehreren Perspektiven: Es berührt grundlegende Fragen der Verantwortungszuordnung im Bildungsföderalismus, mögliche langfristige Verschiebungen öffentlicher Aufgaben in Richtung Zivilgesellschaft sowie potenzielle Auswirkungen auf Gleichheit und Qualität schulischer Angebote. Zudem stellt sich die Frage, wie sich öffentliche Bildungsleistungen verändern, wenn sie zunehmend durch nicht-staatliche Akteure mitgetragen oder ersetzt werden.
Forschungsziel
Ziel des Projekts ist es, den Umfang der Übernahme kommunaler Schulträgeraufgaben durch Schulfördervereine systematisch zu erfassen und zu analysieren. Darüber hinaus sollen wiederkehrende Muster dieser funktionalen Aufgabenverschiebung identifiziert und unter unterschiedlichen strukturellen Bedingungen verglichen werden.
Methode
Das Projekt basiert auf einer quantitativen Online-Befragung von Schulfördervereinen in Deutschland. Erfasst werden finanzielle, personelle und organisatorische Beiträge der Fördervereine sowie deren Aktivitäten in zentralen Aufgabenfeldern kommunaler Schulträger, insbesondere in den Bereichen Ganztag, Infrastruktur, Ausstattung sowie ergänzende Bildungsangebote. Ergänzend werden Kontextmerkmale wie Schulform, Trägerschaft, regionale Lage und Ressourcenstruktur erhoben.
Die Auswertung erfolgt mittels deskriptiver Analysen, Indexbildung zur Messung der Substitutionsintensität sowie multivariater Verfahren (z. B. Clusteranalysen), um Typen funktionaler Aufgabenverschiebung im Schulwesen zu identifizieren.
Der Bundesverband der Kita- und Schulfördervereine sowie die Landesverbände der Kita- und Schulfördervereine und die Stiftung Bildung sind intensiv in den Forschungsprozess eingebunden. Dies betrifft insbesondere die Präzisierung der Forschungsfrage sowie die gemeinsame Entwicklung, Diskussion und Erprobung des Erhebungsinstruments im Rahmen eines transdisziplinären Forschungsdesigns.