Policy Brief: Strategien gegen Rechtsaußen untersucht
Ob Gewerkschaften, Sportvereine oder Feuerwehren – zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland nutzen vielfältige Strategien in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. In dem Projekt „Wirksam gegen Rechtsaußen“ wurden die Strategien anhand von 191 Praxis-Handreichungen und 56 wissenschaftlichen Studien untersucht. Das Ergebnis: Es gibt umfangreiches Praxiswissen, aber nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, welche Strategien tatsächlich wirken. In ihrem neuen Policy Brief zeigt ein Team aus dem Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung, vor welchen Herausforderungen die Zivilgesellschaft steht und was sie braucht.
Fünf Strategietypen der Zivilgesellschaft
Zivilgesellschaftliche Organisationen werden als Orte von Integration, sozialem Zusammenhalt und Demokratie häufig angefeindet und müssen auch innerhalb ihrer Organisation Versuche rechter Einflussnahme abwehren. Finanzielle Kürzungen erschweren ihr Engagement zusätzlich. Mit einem breiten Repertoire an Strategien leisten sie seit Jahren eine wichtige Arbeit gegen Rechtsextremismus. Christin Jänicke, Hans Jonas Gunzelmann, Teresa Völker und Swen Hutter haben diese Strategien nun untersucht und fünf zentrale Strategietypen identifiziert: 1. organisationale Maßnahmen wie Satzungen oder Ausschlussverfahren, 2. Netzwerkarbeit wie Bündnisse und die Unterstützung Betroffener, 3. politische Bildung, etwa durch Aufklärung und Erinnerungsarbeit, 4. konfrontative Strategien wie Demonstrationen oder Proteste und 5. Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel durch Kampagnen.
Praxis und Forschung gehen auseinander
Dabei stellten sie eine deutliche Diskrepanz zwischen Praxis und Forschung fest: Die am häufigsten genutzten Ansätze sind am wenigsten erforscht. Organisationale Maßnahmen wie Satzungsänderungen sind die meistgenannte Strategie gegen rechte Interventionen. Sie werden in 74 Prozent der Handreichungen erwähnt, aber nur in 2 wissenschaftlichen Studien behandelt – und keine untersucht ihre Wirksamkeit. Stattdessen konzentriert sich die Forschung auf konfrontative Proteststrategien (35 Studien), obwohl diese in den Praxis-Handreichungen wesentlich seltener vorkommen (15 %).
Daneben zeigt die Untersuchung, dass die Wirksamkeit der Ansätze methodisch schwer messbar und stark vom jeweiligen Kontext abhängig ist – ein Sportverein in Sachsen benötigt andere Strategien als eine Gewerkschaft in Hamburg. Zudem konzentrieren sich viele Studien auf Deutschland, internationale Vergleiche sind rar.
Empfehlungen für Praxis, Wissenschaft und Politik
Der Policy Brief plädiert für einen systematischen Wissenstransfer zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, etwa durch Best-Practice-Beispiele, sowie für eine praxisbegleitende Forschung, bei der Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen gleichberechtigt zusammenarbeiten, statt nachträglicher Evaluation. Wichtig seien zudem mehrdimensionale Wirksamkeitskriterien, die auch lokale Veränderungen berücksichtigen. Und die Autor*innen betonen: Eine dauerhafte finanzielle und politische Absicherung der Demokratiearbeit ist unverzichtbar.
Die Abbildung zeigt die Verteilung der Strategietypen in der Praxis über alle zivilgesellschaftlichen Handlungsfelder hinweg:
